Stellungnahme Imkerverband Hamburg e.V. zu Artikel „Vermieter verbannt Bienen von Dachterrasse“

Sehr geehrte Redaktion,

mit den uns angeschlossenen 13 Imkervereinen, 914 Imkern und Tagesaktuell 4615 Bienenvölkern sind wir das größte Bündnis von Imkern in Hamburg.

Gerne würde ich zu o.g. Artikel eine Stellungnahme abgeben.

Die Imkerei erlebt seit 2008 getragen von der Sorge um das Bienensterben einen großen Aufschwung. Es gibt an diesem gut gemeinten Engagement gegen das Bienensterben einige Missverständnisse, über die wir oft erst aufklären können, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist – sprich die Bienen krank sind oder sterben.

Mißverständnis 1: Nicht die HONIGbiene ist vom Aussterben bedroht, sondern die über 560 veschiedenen Wildbienenarten UND die professionelle Tätigkeit des Imkers. Insbesondere auf dem Land findet eine eklatante Überalterung der Imkerschaft statt. Die Imker können bundesweit lediglich 20% des Honigbedarfes erwirtschaften – 80% des Honigs wird importiert!

Mißverständnis 2: Honigbienen kann man einfach irgendwo hinstellen und sich selber überlassen. Honigbienen sind domestizierte Nutztiere und benötigen einen gut geschulten Imker, der Parasiten, Krankheiten, Hungersnöte oder einen aufkommenden Schwarmtrieb frühzeitig erkennt und entsprechend handelt. Viele Bienenvölker verhungern aus Unwissenheit des Bienenhalters oder erliegen den Folgekrankheiten der Varroamilbe – auch in der Stadt. Das Schwärmen ist ein wunderbares Schauspiel und ohne Frage ein natürlicher Trieb der Honigbiene. Dennoch können unsere Imker nur die wenigsten Schwärme in der Stadt einfangen – sie sitzen in Lüftungsschächten, Hausdämmungen oder in unerreichbarer höhe. Diese Schwärme erkranken mindestens an der Varroamilbe und gehen über kurz oder lang ein, wenn sie nicht vorher ein Kammerjäger „entfernen“mußte. Aus Gründen des Tierschutzes und der Rücksichtnahme auf die Mitmenschen sollten so wenig Völker wie möglich in der Stadt schwärmen. Nicht jeder Bürger ist von diesem beeindruckenden Naturschauspiel begeistert… Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Schwarmtrieb zu befriedigen oder vorzubeugen – wenn man ihn denn weiß.

Mißverständnis 3: Bienenhaltung sei einfach. Selbst wenn es noch so sehr  und noch so romantisch suggeriert wird – Honigbienen haben eine komplexe Biologie und die Imker müssen sehr gut ausgebildet sein, um ihre Bienenvölker innerhalb und mit der Bienenbiologie zu pflegen. Oft kommen verzweifelte Bienenhalter erst in unsere Vereine und Seminare, nachdem sie ihre Bienen die ersten 2 Winter verloren haben. Was ist passiert? Sie sind dem Internet mit den vielen wunderbaren modernen Seiten und geschäftstüchtigen Betreibern auf den Leim gegangen. Imkern kann man nicht über das Internet erlernen – man muss es mit allen Sinnen, beiden Händen und dem Verstand erlernen. Nicht umsonst ist es ein traditionelles Handwerk und ein Lehrberuf. Oft sind die Internetangebote maßlos überteuertes Geschäftsmodelle.

Mißverständis 4: Wir tun etwas gegen das Bienensterben, indem wir anfangen zu Imkern und die Völker in die Städte holen. Ich bitte, jeden sich mal genau darüber Gedanken zu machen, dass das ja wohl nicht die Lösung sein kann. Warum sterben die Bienen auf dem Land? Ihnen fehlt die LEBENSGRUNDLAGE. Daran ändert sich nichts, indem ausschießlich in den Städten geimkert wird, auch wenn es unseren Bienen in der Stadt sehr gut geht. Wir benötigen die Bestäubungsleistung auf dem Land. Dort müssen die Bedingungen so gut sein, dass Wild- und Honigbienen ihrem „Job“ nachgehen können. Eine Optimale Bestäubung findet in einer Symbiose statt und in einer gesunden Umwelt.

Zum Thema Dachimkerei muss man sagen, dass die Standorte genau geprüft werden müssen. Oft ist es für die Bienen zu heiß auf den Betumdächern oder zu windig, so dass sie ihre schwere Last nicht bis in den Stock tragen können und vor ihrer Behausung landen. Berliner Imker berichteten, dass die Endglieder der Füße der Flugbienen von Völkern auf Betumdächern förmlich weggeschmolzen waren. Statische Voraussetzungen müssen gegeben sein und Sicherheitsaspekte abgeklärt werden. Gerne nehmen unerfahrene Imker diese Stellplatzangebote an. Sie können noch nicht abschätzen, welche gefährliche Plackerei damit verbunden ist, wenn der Zugang zum Dach einer Kletterpartie gleicht. Eine volle Honigzarge kann bis zu 30 kg wiegen.

Es wäre schön, wenn mit etwas weniger Idealismus an diese wirklich wunderbare Tätigkeit herantreten. Gerne unterstützen wir sie, wo wir nur können – auch wenn wir nicht so hip sind, sondern versuchen eine traditionelle Tätigkeit nach modernen Gesichtspunkten professionell zu vermitteln.

Mit freundlichen Grüßen,

Gesa Lahner

1.Vorsitzende

Imkerverband Hamburg e.V.

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22592 Hamburg